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Montag, 18. November 2019

Vertrauen verloren

Einen Hausarzt hat man als erste Anlaufstelle für medizinische Beschwerden aller Art. Gut ist es, wenn man zu der Person auch ein gewisses Vertrauensverhältnis aufbauen kann und weiss, dass man sein Herz ausschütten kann, wenn es notwendig wird.

Bei dem Arzt, der jetzt mein Hausarzt ist, war das bisher nicht nötig, allerdings hatte ich bei den wenigen Besuchen auch nie den Eindruck, dass er überhaupt daran interessiert wäre, ein solches Verhältnis aufzubauen. Ja, er ist nett, hört zu, wirkt aber irgendwie oberflächlich.

Im Oktober war ich bei ihm, um mich beraten zu lassen, was man gegen die Rückenschmerzen tun kann. Wie schon geschrieben, empfahl er mir Akupunktur, zunächst fünf Behandlungen. Da ich das noch nie versucht hatte, stimmte ich zu. Nach fünf Behandlungen habe ich dann aber nicht weiter gemacht, weil ich nicht das Gefühl hatte, es würde irgend etwas bringen.

Kurzer Abzweig: In der Schweiz zahlt man je nach abgeschlossener Versicherung einen bestimmten Teil der medizinischen Kosten komplett selbst. Und so musste ich die Behandlungen in diesem Fall auch allein berappen. Ich rechnete zuzüglich der Untersuchung am ersten Tag mit etwa 500 Franken. Dann kam die Rechnung der Krankenkasse: 704 Franken!

Ich bin erst mal atemlos sitzen geblieben. Dann forderte ich von der Krankenkasse, die mir ja nur einen Betrag schickt, die Originalrechnung vom Arzt an. Und diese Rechnung hat mich dann richtig wütend gemacht. Also nahm ich das Papier und schrieb dem Arzt ein Mail, in dem ich die ganzen unklaren Positionen auflistete und um Erklärung bat.

Die kam auch einen Tag später, aber was da stand, war eine absolute Frechheit. Ich will hier gar nicht alles aufzählen, sondern nur ein Beispiel anführen.

Eine "Session" läuft so ab: Ich lege mich auf die Liege, der Arzt sticht die Nadeln. Dann liege ich 20 Minuten, der Wecker klingelt und er oder eine Schwester entfernen die Nadeln. Das alles dauert in der Regel etwa 30 Minuten - insgesamt! Nun hat der Arzt aber eine Überwachungszeit von 45 Minuten (3x15 Minuten) angesetzt. Damit war ich natürlich nicht einverstanden. Seine unverschämte Antwort: 20 Minuten wären nur die Netto-Liegezeit. Er müsse ja schliesslich noch einen Wecker stellen, und wenn der klingelte, würde er auch nicht sofort aufspringen und zu mir kommen.

Mit anderen Worten: Ich soll für seine Faulheit oder schlechte Organisation der Praxis zahlen? Ganz sicher nicht. Der Herr meint doch tatsächlich, das Stellen des Weckers und der Weg zurück zur Liege hätten jedes Mal (!) mindestens 11 Minuten gedauert, sodass er aus 31 Minuten schön auf 45 Minuten aufrunden kann. Wie unverschämt ist das denn?

Das toppt er in seinem Mail dann noch, in dem er meint, eigentlich wären die Positionen sowieso egal, es käme nur auf die Gesamtkosten an, und da würde er sich an seinen Kollegen orientieren. Mit anderen Worten - es ist ganz egal, was ich gemacht habe, aber es kostet so viel wie bei anderen auch.

Was ist das für eine Aussage? Ich hab ihm daher noch einen Link zu einem Arzt geschickt, der für 60-75 Minuten Akupunktur je nach Aufwand zwischen 90 und 130 Franken nimmt, also halb so teuer ist. Die Entgegnung meines Artzes dazu zeigt, dass seine Abrechnung nur Abzocke ist: Er hätte sich die Seite angeschaut, und es könne ja gar nicht sein, was da steht. Eine Akupunktur würde immer nur 20 Minuten dauern, und wenn da was von einer Stunde stehe, dann wären vielleicht noch administrative Dinge oder Gespräche mit dabei.

Ach so - ich bekomme also dort viel mehr Leistung und zahle daher halb so viel? Das verstehe ich. Nicht.

Ich habe hin und her überlegt, ob ich reagieren soll. Aber gerade die pampige und überhebliche Antwort auf meine Fragen hat mich dazu bewogen, den Sachverhalt der Krankenkasse zu melden und um Rückruf zu bitten. Das kann ich einfach nicht auf sich beruhen lassen. Zur Erinnerung: Man bekommt bei diesem ganzen Verfahren leider NIE die Original-Rechnung, sondern zahlt einfach die Summe, die einem die Kasse mitteilt. Ich kann daher nur erahnen, wie viele Leute er auf diese Weise schon mit völlig überteuerten Abrechnungen betrogen hat.

Ob ich jemals wieder die Praxis betrete, weiss ich nicht. Blöd ist, dass auch Rosalie und ihre Kinder dort Patienten sind. Aber vermutlich hat er längst vergessen, dass wir zusammen gehören, insofern sollte das wohl kein Problem sein.

Nun warte ich mal ab, wie die KK dazu Stellung bezieht. Sie sollte ja eigentlich daran interessiert sein, überhöhte Abrechnungen zu stoppen. Aber vielleicht knicken sie auch vor dem Gott in Weiss ein? Ich warte mal ab, noch hab ich die Rechnung nicht bezahlt.


Donnerstag, 31. Oktober 2019

Wir sind gut

Am Montag wurde unserem IT-Team der Abschlussbericht aus der Due Diligence vorgestellt. Das Ergebnis: Wir machen einen tollen Job und unsere Kunden sind sehr zufrieden mit unserer Dienstleistung.

Nun können wir uns also alle den ganzen Tag lang gegenseitig auf die Schultern klopfen. Aber wie es weitergeht, das kann uns noch immer niemand sagen. Wir warten also weiter, wurschteln vor uns hin und schauen mal, was man mit uns vor hat. Das kann Monate dauern oder auch Jahre. Niemand hat einen Plan.

Und das ist die eigentliche Botschaft dieser Veranstaltung. Erschreckend, dass so eine grosses Unternehmen so viel Zeit damit verbringt, sich mit sich selbst zu beschäftigen, und Projekte, die man im Vorfeld gross angekündigt hat, monatelang auf der Stelle treten.

Das ist schlecht für die Firma, aber wohl gut für uns. Anstehende Änderungen können bei dieser Reorg im besten Fall wirkungslos bleiben, im schlechtesten Fall führen sie dazu, dass man sich im Job nicht mehr wohlfühlt. Daher sind diverse Leute schon gegangen und ich hoffe, dass ich nicht auch in nächster Zeit wieder intensiver mit diesem Gedanken spielen muss.

Heute habe ich immerhin das ganze Büro für mich allein, wo sonst maximal sechs Personen arbeiten. Das ist doch sehr gemütlich - sofern ich nicht für sechs Leute arbeiten muss. ;-)

Donnerstag, 19. September 2019

Schlafen auf Knopfdruck

Rosalie besitzt die Fähigkeit, in Bruchteilen von Sekunden einschlafen zu können. Ich finde das bewundernswert. Letzte Nacht wurden wir von einem Katzenkampf geweckt. Während ich danach, zurück im Bett, noch darüber nachdachte, ob ich wohl wieder einschlafen kann, hatte Rosalie noch nicht mal das zweite Bein im Bett, während das erste schon schlief.

Sie kann abends im Bett liegen, das Handy in der Hand, und schläft damit ein. Womöglich zittern dann die Icons, weil ein Finger auf dem Display geblieben ist, oder das Gerät fällt ihr auf die Nase. Im Auto kann ich mit ihr reden, und wenn sie irgendwann nicht mehr antwortet, ist sie eingeschlafen und staunt, wenn wir plötzlich "schon" zu Hause sind. Ich bin im Flieger nach Florida zehn Stunden wach und schaue die Mediathek hoch und runter - mein Schatz kann herrlich schlafen.

Ich beneide sie um diese Fähigkeit. Vor rund 30 Jahren bin ich mit dem Bus nach Paris und London gefahren. Ich hätte viel dafür gegeben, wenigstens mal eine Stunde im Sitzen schlafen zu können, aber keine Chance. Es war eine Qual. Während meiner Pendelei zwischen Berlin und Bern habe ich mich über Menschen amüsiert, die neben mir schon schliefen, bevor der Flieger zur Startbahn rollte. Genial!

Die Kehrseite der Medaille ist nur die Gefahr, dass einem das auch passiert, wenn man am Steuer sitzt. Davor habe ich bei Rosalie immer ein wenig Angst. Aber sie kennt sich ja und weiss, wie sie, mit frischer Luft oder lauter Musik, dagegen vorgehen muss, bevor es gefährlich wird.

Ich konnte diese Nacht zum Glück wieder einschlafen, sodass ich nicht ganz so müde bin wie an anderen Tagen, wenn die Katzen sich streiten, wer denn nun in unserer Nähe sein darf.

Die haben es aber gut und können jetzt am Tage weiterschlafen ....

Montag, 26. August 2019

Endlich volljährig!

Könnt Ihr Euch noch an den 18. Geburtstag erinnern? Habt Ihr Euch darauf gefreut, endlich selbst zu entscheiden, unabhängig zu sein und Alkohol zu trinken?

Bei mir ist es viel zu lange her, aber bei Rosalies Sohn war es am Freitag "endlich" so weit. Aber nach seiner Party stellte er am nächsten Tag dann auch überrascht fest, dass sich eigentlich gefühlt gar nichts verändert hat. Erwachsen ist er nun auf dem Papier und vor dem Gesetz, aber bis seine Persönlichkeit soweit ist, wird es noch ein paar Jahre dauern. War uns das damals auch bewusst? Und ist das überhaupt notwendig, oder sollte man nicht einfach die Zeit geniessen?

Das Thema Volljährigkeit hat nun leider auch noch eine rechtliche Komponente, vor der wir uns etwas "fürchten": Die Alimente vom Ex für seinen Sohn stehen ihm jetzt persönlich zu und müssen auf sein eigenes Konto überwiesen werden. Mal ganz abgesehen davon, wie er sich mit Rosalie einigt hinsichtlich einer "Haushaltsabgabe" - das grössere Problem wird sein, dass der Ex weiterhin nicht zahlt. Damit ist sein Sohn jetzt in einer schwierigen Lage, denn er müsste seinen Vater betreiben. Schliesslich muss er selbst Beträge wie z. B. die Krankenkasse bezahlen, und das ist in der Schweiz nicht wenig, auch für Schüler.

Da der Ex bereits einen hohen Schuldenberg angesammelt hat und kurz vor einer Pfändung steht, bleibt abzuwarten, wie er mit dieser neuen Situation umgehen wird. Ich fürchte, es wird ein Drama bleiben, und diesmal nicht nur mit Rosalie, sondern auch für seinen Sohn. Immerhin würde der dann mal sehen, wie sein Vater mit seiner Familie umspringt und dass der Rest nur heisse Luft ist.

Bis zum Ende der Woche ist die erste Zahlung fällig ...

Dienstag, 14. Mai 2019

Schatten der Vergangenheit

Gestern wurde ich - oh Wunder - tatsächlich noch zu einem Vorstellungsgespräch für den Job, der meinen beruflichen Erfahrungen am meisten entspricht, eingeladen. Eigentlich wollte nur der Chef des Bereichs anwesend sein, aber er brachte dann doch noch eine weitere Person, die sich als externer Coach vorstellte, mit.

Die Beiden spielten dann so etwas wie good cop, bad cop. Während der Chef mich ständig anlächelte und die "netten" Fragen stellte, stocherte der Externe in meinem Lebenslauf und in den Zeugnissen herum und versuchte, Ungereimtheiten aufzudecken. So meinte er, dass das Zeugnis der Behörde ja sehr passiv sei und gar nicht viel drin stehen würde.

Ja, es ist halt Behördeneutsch, und ich musste das Werk damals auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin zwei Mal ändern lassen, weil es davor noch schlimmer war. Nicht nur, dass Begriffe und Abkürzungen verwendet wurden, die man ausserhalb der Behörde und erst recht in der Schweiz gar nicht kennt: Es wurde z. B. auch eine Form des "Codes" benutzt, die unterstellt, ich würde im Büro ständig nach sexuellen Kontakten zu Kolleginnen suchen. So ein Fauxpas sollte natürlich einem HR-Bereich nicht passieren, ist aber vielleicht kein Wunder, denn Zeugnisse schreibt man in der Behörde eher selten. Wer einmal da ist, geht in der Regel nicht mehr. Ganz viele machen ihre Ausbildung dort und bleiben bis zur Rente.

Das macht den Laden zu einem trägen, verstaubten Haufen. Und die strengen Hierarchien führen ebenfalls dazu, dass nur ganz wenige die Chance erhalten, überhaupt irgendeine Karriere zu machen. Es ist nämlich zum Beispiel so, dass sich ein "Zuarbeiter" nicht auf eine Dezernentenstelle bewerben kann, selbst wenn er die fachlichen Voraussetzungen mitbringen würde. Neben der fachlichen Qualifikation wird immer auch die zumindest zweijährige Tätigkeit in der unmittelbar darunter liegenden Hierarchie-Stufe verlangt. Man muss also die lange Kette durchlaufen, um irgendwann mal in eine Stelle wechseln zu können, die vielleicht auch Personalführung beinhaltet.

Genau das war gestern auch eine Frage vom bad cop. Die ausgeschriebene Stelle beinhaltet nämlich Personalführung, und der Vorwurf war, dass ich das ja bisher noch nie gemacht hätte. Die Frage, warum nicht und warum jetzt war dann halt nicht so leicht zu beantworten und für einen Schweizer offenbar kaum nachvollziehbar. Dabei habe ich für Behördenverhältnisse schon eine steile Karriere hinter mir von der "Registraturkraft" zum "Hauptsachbearbeiter". Das schafft fast niemand, und ohne Unterstützung durch Führungskräfte und ein wenig Vitamin B ist es auch kaum möglich.

Das alles interessierte aber nicht, stattdessen kam mehrfach die Frage nach dem "warum nicht früher".

Ich kann verstehen, dass man in der Position natürlich möglichst die perfekte Person mit Führungserfahrung und super fachlicher Qualifikation sucht. Es ist aber wie schon bei der anderen Stelle die Crux, dass man Menschen auch die Chance geben sollte, Erfahrungen zu machen - wie will man sich sonst weiter entwickeln? Jede Führungskraft hat mal angefangen, und nur weil ich schon die Fünf im Alter habe, geht das nicht mehr? Keine Erfahrung, also auch keine Entwicklung?

Es könnte gut sein, dass mir mein Behördendasein nun den nächsten Schritt verbaut, da es für Aussenstehende so aussieht, als hätte ich in den 13 Jahren nicht genug getan. Da reicht es vielleicht auch nicht, dass mein Chef-Chef sich letzte Woche persönlich dafür eingesetzt hat, dass ich eine Perspektive bekomme, nachdem er hörte, dass ich ein Zwischenzeugnis angefordert habe: "So einen guten Mann könne man doch nicht gehen lassen." Tja, vielleicht hätte er sich das früher mal überlegen sollen ...

Der "bad cop" bescheinigte mir abschliessend gestern immerhin, dass ich ein "Machertyp" sei. Ob das Argument genug ist, um mir eine Chance zu geben, werde ich vielleicht am Freitag wissen. Dann soll ich eine erste Rückmeldung bekommen.

Momentan bin ich eher skeptisch, was meine Zukunft und vor allem meine berufliche Karriere hier betrifft. Dabei ist das eigentlich ein Irrsinn. Ich habe einen tollen Stand in den Kliniken und im Team, meine Arbeit wird sehr geschätzt, mein Chef hat mir eine super gute Beurteilung im letzten MAG vorgelegt, und gestern hat mir eine Mitarbeiterin sogar spontan eine Flasche Wein geschenkt, weil sie so zufrieden war mit meiner professionellen Unterstützung. Wenn das alles nicht genug ist, zählen hier wohl andere Werte, und dann muss ich mir überlegen, ob ich hier auf Dauer wirklich am richtigen Platz bin, zumal auch das Gehalt nicht sonderlich entschädigt.

Wir werden sehen.


Donnerstag, 2. Mai 2019

Gierige "Regierungen"

Die Struktur aus Bund, Kantonen und Gemeinden in der Schweiz mit ihren ausgeprägten eigenen Kompetenzen ist für deutsche Verhältnisse schon ungewohnt. Das fängt bei den sehr unterschiedlichen Feiertagsregelungen an (es gibt nur einen gesetzlich festgelegten Tag für die ganze Schweiz, das ist der Nationalfeiertag, alle anderen Feiertage legt der Kanton fest), und hört bei den völlig unterschiedlichen Steuern auf.

Man zahlt hier Bundessteuern, die sind natürlich einheitlich. Darüber hinaus Kantonssteuern und Gemeindesteuern. Und da fangen die grossen Unterschiede schon an. Jeder Kanton legt seinen Steuersatz selbst fest, und jede Gemeinde auch. Damit kann es sein, dass zwei benachbarte Gemeinden extrem unterschiedliche Steuersätze haben. Die Gemeindesteuern betragen einen bestimmten Prozentsatz der Kantonssteuern, die Schwankungen sind enorm. Es gibt Gemeinden mit 60%, wir liegen bei schon recht hohen 85% der Kantonssteuern.

Dies haben wir der letzten Fusion zu verdanken. Die Schweiz ist bemüht, die Anzahl der Gemeinden zu verringern, in dem sie die Kantone drängt, einzelne Dörfer und Städte verwaltungstechnisch zusammen zu legen. Grundsätzlich ist das sicherlich eine gute Idee, aber die Gefahr ist, dass einzelne Gemeinden dabei unter die Räder kommen. Man kann eben nicht mal eben so relativ grosse Städte einfach mit ganz kleinen Gemeinden in der Nähe zusammen legen und denken, es wird für alle ein Gewinn. Genau das hat man den Einwohnern in unserem Dorf versprochen, und trotz aller Bedenken und Warnungen verschiedener Menschen, auch von uns, hat sich letztlich eine Mehrheit für die Fusion ausgesprochen, weil sie den tollen Visionen geglaubt hat.

Davon ist leider, wie zu erwarten war, nichts übrig geblieben. Unser Dorf spielt in der grossen Stadt so gut wie keine Rolle, die Verwaltung gleicht alle Reglemente Schritt für Schritt an, ohne auf die besondere Situation der Dörfer in irgendeiner Weise Rücksicht zu nehmen. Und natürlich wird alles teurer. Als Erstes wurde gleich mal die Grundsteuer verdoppelt und in der Höhe damit der grossen Stadt angepasst. In der Stadt sind natürlich die Parzellen in der Regel kleiner, weil verdichtet gebaut wird. In den historischen Dörfern hatten und haben die Bauernhöfe schon immer mehr Fläche gehabt, die sie natürlich auch benutzen. Interessieren tut das niemanden in der Verwaltung - eine Gemeinde, ein Steuersatz, fertig.

Genauso zeichnet sich das nun beim Abwasser ab. Rosalie kam gestern völlig genervt von der Info-Veranstaltung zurück. In unserem Dorf galt bisher eine durchaus faire Regelung, die bei der Grundgebühr im Wesentlichen auf die Anzahl der Wohneinheiten abstellte. Macht ja auch Sinn - je mehr Menschen auf einem Grundstück wohnen, desto mehr Abwasser wird produziert.

Davon will man nun plötzlich nichts mehr wissen. Neu soll jetzt nach Fläche bezahlt werden. Nach Fläche!! Heisst, wer einen grossen Garten hat, wird bestraft mit Abwassergebühren - also Gebühren für Wasser, das im Garten versickert und im Grundwasser auf natürlichem Wege ankommt. Auch hier wieder die tolle Argumentation der Verwaltung: Das sei halt Pech und man könne ja die Fläche überbauen! Aber sicher, nichts leichter als das ... Und erneut hat man sich nur an der Stadt orientiert und die Besonderheiten von Dörfern völlig ignoriert. Für viele Einwohner könnte das dazu führen, dass sich die Gebühren mehr als verdoppeln, und das ohne irgendeine Gegenleistung!

Es gibt Gemeinden, wo man zumindest unterscheidet, ob ein Grundstück betoniert ist oder nicht. Das macht auch Sinn, denn in Beton kann Wasser nicht eindringen und landet in der Kanalisation. Aber ein Naturgarten, der Vorbild bei der Biodiversität ist, soll dafür noch Abwasser-Gebühren zahlen? In Zukunft muss also ein Paar genauso hohe Gebühren zahlen auf 1000 m2 Land wie die vielleicht zehn Bewohner eines Mehrfamilienhauses zusammen auf der gleichen Fläche. Was ist daran gerecht?

Leider war das Interesse an der Veranstaltung gestern sehr gering, sodass die Wenigsten wissen, was da auf sie zukommt. Vermutlich ist das dem Chef der Gemeinde auch völlig bewusst und er setzt darauf, dass durch Unwissenheit die neue Bestimmung ohne Proteste durchgewunken werden kann.

Dagegen hilft nur, die Bevölkerung mobil zu machen und aufzufordern, auf der nächsten Versammlung dagegen zu stimmen. Ob das gelingt, ist fraglich ...


Dienstag, 9. Oktober 2018

Autofahren in der Schweiz

Ich weiss nicht, ob ich es hier schon früher mal erwähnt habe, aber vor ein paar Tagen hat es mich gerade wieder massiv geärgert, daher muss ich es hier nochmals zu "Papier" bringen.

Ich hab ziemliche Mühe mit der Fahrweise vieler Schweizer. Um es gleich vorweg zu nehmen: Nein, es sind zum Glück nicht alle so, auch Rosalie ist da eine positive Ausnahme. Aber gerade als Berliner, der es gewohnt ist, zügig aber doch deutsch korrekt zu fahren, kann man hier so manches Mal verzweifeln ...

Kennt Ihr "Safety Cars"? Sie sind zuhauf auf Schweizer Landstrassen unterwegs und erfreuen die Kolonne hinter sich, indem sie statt der erlaubten 80 gern mal 60 km/h oder noch weniger fahren, gern auch dort, wo man auf keinen Fall überholen kann. Und wir reden hier nicht von Sonntagsfahrern auf Kaffeefahrt, sondern über Autos mitten im Berufsverkehr.

Auch immer wieder schön: Bremsen vor einer grünen Ampel. Also ich sehe eigentlich zu, dass ich an eine Ampel zügig heran fahre, um selbst über die Kreuzung zu kommen und auch meinen Hintermännern und -frauen noch das Passieren der Kreuzung zu ermöglichen. Nicht so in der Schweiz. Gang einlegen frühestens, wenn schon drei Sekunden grün ist (vielleicht überlegt es sich die Ampel ja nochmal anders), und falls man mit 50 km/h an eine grüne Ampel heran fährt, unbedingt bremsen, denn es könnte ja gelb werden. Und das wäre der Weltuntergang.

Ja, es ist teuer, in der Schweiz bei Rot zu fahren, wenn man erwischt wird. Aber zwischen Grün und Rot liegt immer noch Gelb und damit bleiben mindestens drei Sekunden zum Passieren der Kreuzung. Diese Panik vor einer grünen Ampel werde ich nie verstehen.

Der fliessende Verkehr wird hier also zum überwiegenden Teil sehr defensiv gelebt, Raser sind tatsächlich selten. Ganz anders aber verhält es sich mit den "sonstigen" Regeln im Strassenverkehr. Wie ich es erlebe, wird in Schweizer Autos vermutlich gar kein Fahrtrichtungsanzeiger eingebaut. Beim Abbiegen blinken jedenfalls gefühlt höchstens 30% der Verkehrsteilnehmer, was mich manchmal zur Weissglut bringt, weil ich umsonst an einer Kreuzung warte. Mit der Vorfahrt hat man es dafür nicht so, auch das Geradeausfahren auf Abbiegespuren wird gern genommen, genauso wie das Befahren einer Einbahnstrasse in der falschen Richtung, und geparkt wird überall, wo Platz ist, egal, ob erlaubt oder nicht - zumindest in Bern ist das so. Ob da noch ein LKW durch passt - who cares!

Es gab mal den spektakulären Fall eines Deutschen, der mit weit über 200 km/h im Tunnel verkehrswidrig Autos überholt und gefährdet hat. Als Grund gab er an, die Schweizer könnten nicht Auto fahren. Das ist natürlich grob fahrlässig und einfältig, aber dass einfach gestricke Gemüter manchmal die Fassung verlieren können ob der eigenwilligen Fahrweise vieler Schweizer, kann ich mir durchaus vorstellen. Ich beisse dann höchstens ins Lenkrad oder fluche vor mich hin. :-)

In Florida warten dann andere Herausforderungen: Fünfspurige Strassen, Autobahnabfahrten gern mal auf der linken statt rechten Seite, ständig wechselnde Geschwindigkeitsbegrenzungen, erlaubtes Abbiegen bei Rot, keine Vorfahrtsregelung an gleichrangigen Strassen (wer zuerst kommt, fährt zuerst) ...

Dienstag, 31. Juli 2018

Geburtstag

Nein, es ist nicht meiner, der liegt sechs Wochen zurück. Morgen hat die Schweiz Geburtstag! Ich habe daher morgen frei und begehe mit den Eingeborenen den Nationalfeiertag. :-)

Zumindest in den ländlicheren Gebieten sieht man überall rot-weiss geschmückte Häuser, jede Menge Schweizer Fahnen, und man gewinnt den Eindruck, dass man hier stolz ist auf sein Land. Das ist mir in Deutschland nie aufgefallen. In der DDR war man fast gezwungen, eine Fahne aus dem Fenster zu hängen, heute ist es den meisten egal, warum man frei hat - Die Hauptsache ist, nicht arbeiten zu müssen.

Ausserdem ist das hierzulande der Tag, an dem das meiste Feuerwerk in die Luft gejagt wird. Während das in Deutschland ja nur sehr streng an Silvester erlaubt ist, steht in der Schweiz bei Feuerwerk der Nationalfeiertag an erster Stelle. Leider, wie schon im letzten Jahr, gibt es vielerorts auf Grund der extremen Trockenheit ein Feuerverbot, und damit werden auch kaum Raketen am Himmel zu sehen sein. Aber da ich auch in Deutschland schon lange kein Feuerwerk mehr gekauft habe, stört mich das absolut nicht.

Und so werden wir den morgigen Feiertag ganz in Ruhe begehen. Bei erneut angekündigten 33 Grad im Schatten kann man ohnehin nicht viel mehr tun. Und da es sich anbot, nehme ich den Donnerstag gleich auch noch frei und habe damit einen fünftägigen "Kurzurlaub" vor mir.

Also: Happy Birthday, Switzerland!

Donnerstag, 26. Juli 2018

"Frontal"-Unterricht

Gestern Abend sass ich gemütlich im Wohnzimmer auf der Couch (draussen war es mir noch zu heiss), als es plötzlich an der Scheibe klopfte. Ich war natürlich erschrocken und sah eine Nachbarin vor dem Fenster, die, nicht ganz sensibel, ins Haus schaute. Ich nickte ihr zur Bestätigung zu und lief zur Haustür. Bevor sie Luft holte, spulte ich den einzigen Satz ab, den ich halbwegs flüssig auf französisch hinbekomme, nämlich, dass ich nicht gut französisch spreche.

Offenbar war der Satz nicht verständlich oder sie hörte mir nicht zu, denn sie begann sofort, auf mich einzureden. Ich verstand kein Wort und schaute irritiert. Das muss die Dame wohl gemerkt haben und wiederholte etwas langsamer ihre Frage. Und dann schnappte ich zumindest zwei Wörter auf: chat ici. Mir dämmerte, dass sie wohl wissen wollte, ob unsere Katze im Haus sei. Offenbar hatte sie bei sich am oder im Haus eine schwarze Katze entdeckt und suchte nun den Besitzer. Und da sie weiss, dass wir ein schwarzes Raubtier besitzen, wollte sie wohl netterweise mitteilen, dass sie es gefunden habe.

Ich konnte ihr mit Händen und Füssen und ein paar Wörtern, die mir einfielen, klar machen, dass es sich nicht um unsere Katze handeln kann, da die sich im Haus befindet. Sie schien es verstanden zu haben, wir bedankten uns und wünschten einen schönen Abend.

Immerhin - ich hab erfasst, worum es ging und konnte die Angelegenheit klären. Aber gut war es nicht. Letzte Woche erhielten wir Post von der Gemeinde mit der Anfrage, ob Interesse an einem Sprachkurs bestünde. Ich sollte wohl mal antworten ...

Mittwoch, 11. Juli 2018

Schöne Sprache

Ich hab hier vor einiger Zeit schon einmal von der Schweizer Sprache geschwärmt. Sie wirkt ein wenig eingestaubt, aber irgendwie erinnert sie auch sehr angenehm und freundlich an alte Zeiten. Ich hab dazu einen Artikel der Polizei gefunden, den ich aus rechtlichen Gründen nur verlinken und nicht zitieren kann.

Aber sind solche Begriffe wie "Anhaltemannschaft", "Geschwindigkeitswiderhandlungen" oder "zuhanden der Administrativbehörde" nicht einfach herrlich? Natürlich darf auch die "Busse" nicht fehlen, über die ich selbst noch immer beim Lesen stolpere und die in Deutschland als Fehler angestrichen würde.

Hier gelangt man zu dem Artikel.

Ach ja - heute wird die "magische" Besucherzahl von 100000 auf diesem Blog überschritten. Leider kann ich mich aus "technischen Gründen" nicht persönlich bei dem oder der Lesenden bedanken, aber stattdessen sage ich einfach Dankeschön an alle, die immer mal vorbei kommen und vielleicht auch noch einen Kommentar hinterlassen. :-)


Dienstag, 22. Mai 2018

Das ist anders

Seit rund 1,5 Jahren bin ich jetzt hier im Spital tätig, und was mir von Anfang an auffiel, war der ganz andere Umgang(-ston) untereinander. War ich aus dem ÖV in Berlin eine sachliche, nüchterne und sehr stark an Hierarchien angelehnte Kommunikation gewohnt, war schon mein erster Eindruck hier, dass es einen sehr offenen, fast freundschaftlichen Umgang miteinander gibt.

Ob das nun am Gesundheitswesen und/oder am Land (oder Berlin) liegt, kann ich nicht so recht beurteilen, weil mir der Vergleich fehlt, aber angenehm ist es auf jeden Fall. Wenn ich nur schon daran zurückdenke, wie wichtig sich damals einige Menschen anhand ihres "Ranges" genommen haben. Furchtbar. Gut, es gibt hier auch einige wenige Ärzte in Führungspositionen, die sich wie Götter fühlen, aber das ist wirklich die Ausnahme. Ansonsten weiss man nie, ob einem ein leitender Oberarzt oder Assistenzarzt gegenübersteht. Selbst der Klinikchef spricht einen mit Vornamen an. Diese Lockerheit ist wohltuend. Verwirrt hat mich dabei anfangs auch, dass man in Mails dann oft mit:"Lieber ..." angeschrieben wird. Damit habe ich mich etwas schwer getan, schliesslich kannte ich das daheim nur von mehr oder weniger vertrauten Personen. Inzwischen kommt mir das aber recht locker in die Tastatur

Neulich hatte ich eine weitere, fast schon typische Begegnung im Hause. Es gibt eine "Frau in Weiss", der ich fast täglich, manchmal sogar mehrfach auf dem Flur begegne. Wie das im Spital üblich ist, grüsst man sich auch unbekannterweise. Wir grinsten inzwischen schon, weil wir uns tatsächlich ungewohnt oft über den Weg liefen. So auch an diesem Tag: Zum ersten Mal trafen wir uns am Aufzug, zwei Stunden später auf dem Flur. Plötzlich streckte sie mir die Hand entgegen und meinte: "Also ich bin J. So oft wie Dich treffe ich hier niemanden im ganzen Spital!" Ich war überrascht, nannte auch meinen Vornamen, wir wünschten uns einen schönen Tag und gingen weiter.

Später im Büro schaute ich dann mal, wen ich da gerade begrüsst hatte: Eine Oberärztin aus einer anderen Klinik (übrigens auch eine Deutsche). Dienstlich haben wir überhaupt nichts miteinander zu tun. Um so sympathischer fand ich die Situation. Und es arbeitet sich halt viel besser, wenn man auf den Fluren nicht ständig irgendwelchen verkalkten, grummelnden, in sich gekehrten Angestellten oder Beamten über den Weg läuft, sondern sich irgendwie einem (riesigen) sympathischen Team zugehörig fühlt, in dem jeder den Anderen achtet.

Donnerstag, 12. April 2018

Hier wird scharf geschossen

Es war ein ungewohntes Bild, als ich in der Schweiz zum erstem Mal mit Soldaten im Zug sass, deren Gewehre ganz lässig auf einem unbelegten Nachbarplatz lagen. Wer es nicht weiss: Hier bekommt man als Wehrpflichtiger seine persönliche Waffe, die man, wenn man denn will, auch sein Leben lang im Besitz behalten darf.

Dafür muss man allerdings auch bis zu einem bestimmten Alter in jedem Jahr zum Schiesstraining. Wer das versäumt, zahlt Strafe. Für viele Männer stellt das aber kein Problem dar, denn in der Schweiz ist das Schiessen ein sehr verbreiteter Volkssport. So gut wie in jedem Dorf gibt es einen Schiessverein und damit meist auch einen Schiessplatz. Ich möchte nicht wissen, wie hoch die Bleibelastung der Schweizer Wälder ist ...

Auch bei uns daheim, quasi direkt vor der Haustür, gibt es einen Schiessplatz. Mit Beginn der Sommerzeit heisst das für uns, dass man am Mittwochabend möglichst nicht zu Hause ist, denn ab 17:30 Uhr ist jede Woche Schiesstraining. Dann knallt es fast ohne Pause bis gegen 20 Uhr. Gemütliches Sitzen auf der Terrasse ist unmöglich, und schon ein offenes Fenster führt zu Lärmbelästigung.

Ein paar Mal im Jahr finden natürlich auch Wettbewerbe statt. Die starten dann gern am Samstag und/oder Sonntag um 10 Uhr und dauern mehrere Stunden. Ein Traum, wenn man sich vorgenommen hat, im Garten zu arbeiten oder einfach nur zu relaxen. Zum Glück beschränken sich diese Events wirklich auf wenige Wochenenden.

Wir wussten natürlich beim Kauf, worauf wir uns einlassen, jammern gilt also eigentlich nicht. Aber lästig ist es hin und wieder dann doch ...

Donnerstag, 22. März 2018

Henry Hasenfuß

Hier mal eine Frage an alle Fellnasen-Experten. :)

Unser Kater ist eigentlich ein großer Held. Kein Schrank ist ihm zu hoch, kein Balken zu schmal. Er klettert und flitzt im Haus umher, ohne dass man den Eindruck hat, er würde ängstlich sein.

Ganz anders verhält es sich draußen. Seit ein paar Wochen darf er ja nun - vorerst unter Aufsicht - ins Freie, aber diese Möglichkeit nutzt er nur sehr, sehr zögerlich. Wenn Herrchen oder Frauchen dabei sind, traut er sich ein wenig mehr zu, klettert mal auf einen Baum und begleitet uns durch den Garten, aber allein muss man ihn zunächst lange überreden, überhaupt mal durch die Tür zu gehen, und wenn er dann draußen ist, macht er höchstens ein paar Schritte, und beim leisesten Verdacht, es könnte eine Katze in der Nähe sein, kommt er im Schweinsgalopp zurück ins Haus.

Wir fragen uns, woher diese Angst kommen mag? Er ist mit seinen Geschwistern aufgewachsen, danach hatte er dann keinerlei Kontakt mehr mit anderen Tieren, erst recht keine negativen Erfahrungen. Warum also diese Panik? Und vor allem: Was können wir dagegen tun? Es ist doch schade, wenn er sich nicht mal bis zum Gartenteich traut, sofern wir nicht dabei sind. Okay, einerseits gut für uns, wenn er sich nicht entfernt, aber andererseits für ihn doch eine enorme Einschränkung.

Vielleicht verringert sich die Angst ja mit der Zeit von allein, wenn er öfter mit uns im Garten ist und das Gelände besser kennt. Dafür müsste es jedoch erst mal Frühling werden ... Momentan habe ich den Eindruck, man könnte mit Henry wunderbar spazieren gehen, er bleibt immer dicht beim Menschen, wie ein Hund. :)

Freitag, 20. Oktober 2017

Süsch no öppis?

An alle Nicht-Schweizer: Versteht man diese Frage? Nach mittlerweile mehr als vier Jahren intensiven Trainings ist mir der Dialekt jetzt vertraut, aber 2013 sah das ganz anders aus. Wenn ich mit Rosalie unterwegs war und sie sich mit anderen "Eingeborenen" unterhielt, habe ich so gut wie nichts verstanden.

Heute fällt mir so manches Mal gar nicht mehr auf, ob mein Gegenüber Hochdeutsch spricht oder nicht. Im Kollegen- und Bekanntenkreis nehmen die Meisten inzwischen sowieso keine "Rücksicht" mehr, was auch nicht notwendig ist. Und so stolpere ich dann meist nur darüber, wenn fremde Personen fragen, ob sie denn mit mir Mundart sprechen können. Natürlich dürfen sie, denn bis auf den einen oder anderen Ausdruck, den ich noch nie gehört habe, komme ich gut damit klar. Wieder ein Stück Integration geschafft!

Für alle Schweizer: Ich war gestern im Radio! Ich werde hier nicht verraten, wann und wo, denn sonst ist meine Anonymität dahin. Aber nett war er, der erste Auftritt in den Schweizer Medien. :)

Also: Äs schöns Wochenend!


Donnerstag, 21. September 2017

Wundervolle Sprache

Eine spannende Besonderheit der Schweiz ist ihre Sprachvielfalt. Ich weiss nicht, ob es noch andere Länder gibt, die über vier Amtssprachen verfügt ...? Mit den anteilmässig kleineren Sprachen komme ich so gut wie nie in Berührung, aber neben meiner Muttersprache begegnet mir das Französisch mehr oder weniger täglich.

Mein Lernwille lahmt derzeit ein wenig, auch wenn ich immerhin inzwischen einen gewissen Grundwortschatz aufbauen konnte. Faszinierend ist diese Sprache jedoch sehr. Vor allem die bildhafte, fast überschäumend reichhaltige Darstellung selbst einfachster Sachverhalte hat etwas sehr Sympathisches.

Besonders anschaulich wird dies, wenn ein Schweizer mit französicher Muttersprache versucht, etwas in deutscher Sprache zu schreiben. Unsere Gemeinde ist seit Jahresbeginn zweisprachig, sodass man der Verwaltung auf Deutsch schreiben kann, dort aber gegebenfalls von einer französisch sprechenden Person eine Antwort erhält.

Ich habe gestern per Mail mitgeteilt, dass unsere Strassenbeleuchtung defekt sei. Kurz darauf erhielt ich diese Antwort: "Besten Dank für die Information und die Mühe, die Sie sich gegeben haben, uns dies mitzuteilen."

Ist das nicht süss? In Deutschland käme man sich wohl vera*scht vor bei so einer Antwort, doch in diesem Kontext fand ich es wirklich herzig. :)

Mittwoch, 20. September 2017

Willkommen in der Schweiz

Letzte Woche gab es im Radio am Abend eine Sendung über Deutsche in der Schweiz. Ich hab leider nicht alles hören können, aber die Erfahrungen, die dort sowohl von Deutschen als auch Schweizern berichtet wurden, waren sehr interessant.

Wie ich auch schon von meinem (deutschen) Chef erzählt bekam, gibt es zahlreiche Menschen, die eine starke Abneigung oder zumindest Skepsis von Einheimischen spürten und zum Teil deswegen sogar in ihre Heimat zurück gekehrt sind. Ich selbst kann mich erinnern, dass es vor ein paar Jahren in den Medien ziemlich unverblümt Kampagnen gegen Deutsche in der Schweiz gab. Allerdings ist davon in letzter Zeit nichts mehr zu sehen.

Eigene Erfahrungen dazu habe ich nicht gemacht. Nun ist das Gesundheitswesen, in dem der Anteil der Deutschen ohnehin sehr hoch ist, vielleicht nicht gerade repräsentativ. Und ich habe den Vorteil, durch eine Einheimische in die Schweiz eingeführt worden zu sein. Doch auch, wenn ich allein unterwegs bin, spüre ich keine übertriebene Zurückhaltung. Der Schweizer an sich ist ja ohnehin nicht gerade aufgeschlossen, daran muss man sich ein wenig gewöhnen. Und er neigt dazu, seine Meinung, wenn überhaupt, nur sehr verblümt darzustellen. Das führt dann schon mal zu leichten Irritationen, ist doch der Deutsche in der Regel sehr direkt. Einfaches, gern gebrauchtes Beispiel dazu: "Ich kriege ein Bier!". So etwas Forsches käme hier niemandem über die Lippen.

Auch im beruflichen Umfeld wird das weich gespülte Diskutieren von meinen Landsleuten, so auch in der Sendung, als irritierend empfunden. Ja, manchmal denke ich auch 'Komm doch endlich mal zum Punkt!'. Aber in der Regel mag ich diesen respektvollen, teilweise fast übertrieben freundlichen Umgang miteinander. Vielleicht komme ich deswegen so gut mit den Leuten klar. :) Man weiss nur manchmal nicht genau, was sie wirklich über einen denken. Aber muss ich das wissen?

Ich fühle mich wohl hier, und das mit allem drum und dran!

Dienstag, 27. Juni 2017

Die freundlichen Schweizer

Ich glaube, ich habe es schon einmal erwähnt, aber gestern ist sie mir wieder besonders aufgefallen: die Freundlichkeit in der Schweiz.

Nun wird ja behauptet, der Schweizer/die Schweizerin verberge hinter dieser Freundlichkeits-Maske die Distanz. Das mag vielleicht sein, aber dieses angenehme Miteinander wirkt fast nie aufgesetzt bzw. künstlich. Es fällt mir vor allem hier im Job auf. Womöglich kommt in meinem Fall noch dazu, dass Klinik-Personal, so sagt man, eine besondere Spezies sei. Das kann ich nicht beurteilen, aber das Arbeitsklima, vor allem auch, wenn es darum geht, mit noch fremden Personen Kontakt aufzunehmen, ist nach meiner Erfahrung wesentlich besser, als ich es in Berlin erlebt habe. Ich komme mir nie als Störenfried vor oder jemand, der keine Ahnung hat, Arbeit macht oder einfach nervt.

Ganz im Gegenteil. Hab ich mir früher länger überlegt, ob ich in einem anderen Bereich anrufen und "stören" soll, ist das hier gar kein Thema. Auch der Kontakt mit Doktoren ist in der Regel deutlich entspannter als in Berlin, und Hierarchien kennt man hier im Grunde gar nicht.

Dieser Umgang miteinander erleichtert die Arbeit ungemein. Und wenn man dann noch Komplimente erhält, um so mehr. Etwas, was mir in Berlin wohl niemals passiert wäre, war neulich das Mail eines Kollegen, den ich während eines Seminars kennen lernte. Er hatte anschliessend noch ein paar fachliche Fragen und schrieb mir am Schluss seiner Mail, dass es ihn gefreut habe, meine Bekanntschaft zu machen. Im alten Job hätte ich mich gefragt, ob man mich veralbern will oder ob das eine Anmache sein soll, hier ist es einfach nur eine Form des Umgangs miteinander.

Freitag, 9. Juni 2017

Was fehlt

In der Regel gehen Rosalie und ich gemeinsam einkaufen, zumindest, wenn es um mehr als eben mal ein Brot für den Abend geht. Und längst habe ich mich dabei an die Artikel gewöhnt, die man hier in den Supermärkten vorfindet und vermisse eigentlich nichts.

Doch hin und wieder habe ich Appetit auf bestimmte Dinge aus "alter" Zeit, beginne, danach zu suchen - und finde sie nicht. So ist die Auswahl an Streichwurst in der Schweiz minimal bis gar nicht vorhanden: Mettwurst, Leberwurst, Teewurst und Ähnliches findet man hier nur ganz spärlich, während die Auswahl in Deutschland riesig ist.

Neulich wollte ich Schokoladeneis mit Vanillesauce essen. Vanillesauce - das sollte doch kein Problem sein ... War es aber! Es gibt eine Art Vanille-Crème, aber die kann man getrost vergessen. Die klassische dänische Vanillesauce? Fehlanzeige! Wir haben sie dann neulich aus Deutschland importiert!

Letzte Woche hatten wir die Idee, mal Kartoffeln mit Kräuterquark zu essen, ganz simpel und schnell gemacht. Also ab in den Markt, grosse Kartoffen und irgend einen Kräuterquark ausgesucht. Moment - irgend einen? Es gibt überhaupt keinen! Damit habe ich nun gar nicht gerechnet!.In Berlin stehen zig verschiedene Sorten im Regal, mit viel Fett, wenig Fett, mal als Kräuterquark, mal als Frühlingsquark, von Milbona, Milram usw. Nix davon gibt es hier, nicht einmal bei LIDL. Also Hand angelegt und selbst welchen zusammen gemanscht.

Es ist schon manchmal eigenartig, dass für mich ganz normale Dinge hier einfach nicht zu bekommen sind. Nicht einmal Müsli ... Okay, stimmt nicht so ganz. :) In der Schweiz heisst es halt Müesli, denn das Müsli ist im Dialekt eine Maus ...

Mittwoch, 15. März 2017

Die wundervolle Schweizer Schriftsprache

Folgende Meldung steht beispielhaft für eine Sprache, die manchmal wie aus alter Zeit tönt:

"Fahren in angetrunkenem Zustand

Ein alkoholisierter Lenker verliert die Herrschaft über sein Auto. Nachdem er am Strassenrand einen Stromschacht rammt überschlägt sich das Auto mehrfach.

Der Lenker und sein Mitfahrer werden bei diesem Unfall verletzt. Am Sonntag, 26. Februar 2017, um 0 Uhr 25 fuhr ein 40 - jähriger Autolenker von Düdingen in Richtung Freiburg. Beim Weiler St. Wolfgang verlor er, infolge seines physischen Zustandes, die Herrschaft über sein Fahrzeug.

Der Wagen kam rechts von der Strasse ab und rammte einen Stromschacht. Dabei machte das Auto einen zweifachen Überschlag und kam in der Wiese neben der Strasse zum Stehen.

Der Lenker und sein 30 - jähriger Beifahrer wurden bei diesem Unfall verletzt. Beide wurden per Ambulanz ins nächste Spital transportiert. Da das abbruchreife Auto erheblich Öl und Treibstoff verlor, wurden die Stützpunktfeuerwehr Düdingen und Spezialisten vom Amt für Umwelt aufgeboten, um die kontaminierte Erde zu entsorgen."

Quelle: http://www.polizei-schweiz.ch/ger_details_70885/Freiburg_FR_-_Fahren_in_angetrunkenem_Zustand.html

Ist das nicht schön!? :) Ausserdem mischen sich immer mal wieder Begriffe in den Alltag, die ich aus Deutschland überhaupt nicht kenne. Oder wisst Ihr (ohne nachzuschauen), was ein "Grossist" ist?

 

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Dorf im Nebel

Wenn ich an die (läääängst vergangene) Zeit in Berlin denke, erinnere ich mich an den einen oder anderen Morgen im Nebel, aber meist kam nach ein paar Stunden schon wieder die Sonne hervor. Ganz anders ist es hier. Nun schon rund eine Woche lang hängt der Nebel über der Region, und bis auf zwei Stunden am Sonntagnachmittag war die Sonne im Dorf seit dem nicht mehr zu sehen. Tristes Grau prägt das Bild, und viel weiter als bis zum übernächsten Haus kann man meist nicht schauen. Noch schlimmer wird es, wenn man dann mit dem Auto das Dorf verlässt.

Ursache ist neben der aktuellen Wetterlage die Topographie mit den Bergen und den grossen Seen. So schön, wie es hier im Sommer ist - dafür muss man im Herbst und Winter dann öfter mal den grauen Alltag ertragen. Einziger Lichtblick im wahrsten Sinne sind dann teilweise die Arbeitstage, denn hier in der Schweizer Hauptstadt hat man öfter mal die Chance auf ein paar Sonnenstrahlen. Dummerweise liegt das Fenster meines Büros Richtung Norden, sodass ich auch hier die Sonne nur erahnen kann, und bis zum Feierabend ist sie längt untergegangen. Wer sie heute sieht, kann mir gern ein paar Strahlen schicken ...

Aber der nächste Sommer kommt bestimmt! Bis dahin tragen wir die Sonne halt im Herzen. ;)