Dienstag, 14. Mai 2019

Schatten der Vergangenheit

Gestern wurde ich - oh Wunder - tatsächlich noch zu einem Vorstellungsgespräch für den Job, der meinen beruflichen Erfahrungen am meisten entspricht, eingeladen. Eigentlich wollte nur der Chef des Bereichs anwesend sein, aber er brachte dann doch noch eine weitere Person, die sich als externer Coach vorstellte, mit.

Die Beiden spielten dann so etwas wie good cop, bad cop. Während der Chef mich ständig anlächelte und die "netten" Fragen stellte, stocherte der Externe in meinem Lebenslauf und in den Zeugnissen herum und versuchte, Ungereimtheiten aufzudecken. So meinte er, dass das Zeugnis der Behörde ja sehr passiv sei und gar nicht viel drin stehen würde.

Ja, es ist halt Behördeneutsch, und ich musste das Werk damals auf meinen ausdrücklichen Wunsch hin zwei Mal ändern lassen, weil es davor noch schlimmer war. Nicht nur, dass Begriffe und Abkürzungen verwendet wurden, die man ausserhalb der Behörde und erst recht in der Schweiz gar nicht kennt: Es wurde z. B. auch eine Form des "Codes" benutzt, die unterstellt, ich würde im Büro ständig nach sexuellen Kontakten zu Kolleginnen suchen. So ein Fauxpas sollte natürlich einem HR-Bereich nicht passieren, ist aber vielleicht kein Wunder, denn Zeugnisse schreibt man in der Behörde eher selten. Wer einmal da ist, geht in der Regel nicht mehr. Ganz viele machen ihre Ausbildung dort und bleiben bis zur Rente.

Das macht den Laden zu einem trägen, verstaubten Haufen. Und die strengen Hierarchien führen ebenfalls dazu, dass nur ganz wenige die Chance erhalten, überhaupt irgendeine Karriere zu machen. Es ist nämlich zum Beispiel so, dass sich ein "Zuarbeiter" nicht auf eine Dezernentenstelle bewerben kann, selbst wenn er die fachlichen Voraussetzungen mitbringen würde. Neben der fachlichen Qualifikation wird immer auch die zumindest zweijährige Tätigkeit in der unmittelbar darunter liegenden Hierarchie-Stufe verlangt. Man muss also die lange Kette durchlaufen, um irgendwann mal in eine Stelle wechseln zu können, die vielleicht auch Personalführung beinhaltet.

Genau das war gestern auch eine Frage vom bad cop. Die ausgeschriebene Stelle beinhaltet nämlich Personalführung, und der Vorwurf war, dass ich das ja bisher noch nie gemacht hätte. Die Frage, warum nicht und warum jetzt war dann halt nicht so leicht zu beantworten und für einen Schweizer offenbar kaum nachvollziehbar. Dabei habe ich für Behördenverhältnisse schon eine steile Karriere hinter mir von der "Registraturkraft" zum "Hauptsachbearbeiter". Das schafft fast niemand, und ohne Unterstützung durch Führungskräfte und ein wenig Vitamin B ist es auch kaum möglich.

Das alles interessierte aber nicht, stattdessen kam mehrfach die Frage nach dem "warum nicht früher".

Ich kann verstehen, dass man in der Position natürlich möglichst die perfekte Person mit Führungserfahrung und super fachlicher Qualifikation sucht. Es ist aber wie schon bei der anderen Stelle die Crux, dass man Menschen auch die Chance geben sollte, Erfahrungen zu machen - wie will man sich sonst weiter entwickeln? Jede Führungskraft hat mal angefangen, und nur weil ich schon die Fünf im Alter habe, geht das nicht mehr? Keine Erfahrung, also auch keine Entwicklung?

Es könnte gut sein, dass mir mein Behördendasein nun den nächsten Schritt verbaut, da es für Aussenstehende so aussieht, als hätte ich in den 13 Jahren nicht genug getan. Da reicht es vielleicht auch nicht, dass mein Chef-Chef sich letzte Woche persönlich dafür eingesetzt hat, dass ich eine Perspektive bekomme, nachdem er hörte, dass ich ein Zwischenzeugnis angefordert habe: "So einen guten Mann könne man doch nicht gehen lassen." Tja, vielleicht hätte er sich das früher mal überlegen sollen ...

Der "bad cop" bescheinigte mir abschliessend gestern immerhin, dass ich ein "Machertyp" sei. Ob das Argument genug ist, um mir eine Chance zu geben, werde ich vielleicht am Freitag wissen. Dann soll ich eine erste Rückmeldung bekommen.

Momentan bin ich eher skeptisch, was meine Zukunft und vor allem meine berufliche Karriere hier betrifft. Dabei ist das eigentlich ein Irrsinn. Ich habe einen tollen Stand in den Kliniken und im Team, meine Arbeit wird sehr geschätzt, mein Chef hat mir eine super gute Beurteilung im letzten MAG vorgelegt, und gestern hat mir eine Mitarbeiterin sogar spontan eine Flasche Wein geschenkt, weil sie so zufrieden war mit meiner professionellen Unterstützung. Wenn das alles nicht genug ist, zählen hier wohl andere Werte, und dann muss ich mir überlegen, ob ich hier auf Dauer wirklich am richtigen Platz bin, zumal auch das Gehalt nicht sonderlich entschädigt.

Wir werden sehen.


Kommentare:

  1. Unterschiedliche Unternehmenskulturen - wie schwer muss das dann erst in unterschiedlichen Ländern sein...... Ich drücke alle verfügbaren Daumen!
    caterina

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    1. Danke Dir!
      Ja, gerade, wenn es um Behörden geht, liegen Welten dazwischen. Ich glaube, jemand, der da nie gearbeitet hat, kann sich das absolut nicht vorstellen. Dort ist wirklich die Zeit stehen geblieben ... Ich vermisse diese "Welt" absolut nicht, doch sie wirkt offenbar leider noch nach.

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  2. Das geht nicht nur dir so. Auswandern ist immer ein Abenteuer. Sei es ins Nachbarland oder über den Teich. Hier kannst du nachlesen, wie es einem von deinen Landsmännern hier in Canada ergeht:
    https://auswandern-kanada.info/das-job-dilemma/

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    1. Interessantes Post, vielen Dank für den Link! Was mich am Gespräch vom Montag u. a. auch störte, war die Tatsache, dass man in den alten Zeugnissen stöberte, die mehr als drei Jahre zurück liegen, aber meine aktuellen Tätigkeiten hier in der Schweiz gar keine Rolle spielten! Und dabei wäre es so einfach: Man hätte mich fragen können oder meinen Chef auf dem kurzen Dienstweg. Nichts davon ist pasiert, stattdessen bohrte man in der Vergangenheit und wunderte sich, wie ich es da 13 Jahre in der Verwaltung ausgehalten habe - ein Fakt, der neulich noch als besonders lobenswert hervorgehoben wurde.
      Muss ich wohl alles nicht verstehen ...

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    2. Ich verstehe, was du meinst. Aber wenn die so agieren, haben sie dich auch nicht verdient! Irgendwo da draussen gibt es eine Stelle, die für dich besser passt. Alles geschieht zu seiner Zeit...

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    3. Das denke und hoffe ich auch. Mein Chef ist gerade los gegangen und vermutet, dass er sich seine Absage abholen darf. So sind wir momentan alle etwas frustriert. Aber das schmiedet auch zusammen. ;-)
      Und ich werde die Augen offen halten und dann am Freitag oder Montag ggf. erst einmal mein Zeugnis einfordern.

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  3. Ach man, wie doof :-( Sehr seltsames Vorgehen!

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    1. Das finde ich auch. Es ging hier um interne Bewerbungen, ich bin schon 2,5 Jahre hier, also was wäre einfacher, als sich auf kurzem Weg aktuelle Referenzen einzuholen, anstatt angestaubte Behörden-Zeugnisse zu zerpflücken?

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