Mittwoch, 8. Mai 2019

Kein Leuchtturm

Kurz vor Feierabend gestern erhielt ich per internem Chat von dem Menschen, bei dem ich das Vorstellungsgespräch hatte, eine Anfrage, ob ich noch schnell für einen "kurzen Austausch" vorbei kommen könnte. Als ich das las, war mir ziemlich klar, worum es gehen würde ...

Also packte ich zusammen und ging auf dem Weg zum Auto in seinem Büro vorbei. Der Herr bot mir nicht mal einen Platz an, sondern stellte sich mit mir an sein Stehpult. Nach den üblichen Höflichkeitsfloskeln meinte er dann, ich sei noch nicht bereit, um "einer der zehn Leuchttürme der IT im Hause" zu sein. Meine Frage, ob er das begründen könne, konnte er nicht beantworten. Er meinte, es wäre ein Bauchgefühl.

So so. Ich hab zwei Mal studiert (und dann noch genau das, was hier gesucht wird), 14 Jahre ununterbrochene Erfahrung in der IT, in der letzten Beurteilung sämtliche Punkte übererfüllt - und das reicht nicht? Da bin ich jetzt sehr gespannt, wer denn der Leuchtturm sein wird. Und ich hoffe, dass da kein fahler Beigeschmack entstehen wird ...

Es ist irgendwie schräg: Kein Job ohne Erfahrung, keine Erfahrung ohne Job. Wie soll das gehen? Nur mit Vitamin B?

Mein beruflicher Weg war schon immer hart und steinig und ich bin noch nie meiner Qualifikation entsprechend bezahlt worden. Entweder war gerade kein "Taschengeld" übrig, wie meine damalige Chefin gern sagte, oder es gab keine Möglichkeit für eine neue Stelle, oder die Tarifverträge wurden nach unten angepasst und vermasselten mir damit schon zwei Mal den finanziellen Aufstieg.

Nein, ich nage nicht am Hungertuch, aber ich musste immer mit recht wenig Geld auskommen, immer wieder von vorn anfangen, auch finanziell (angefangen habe ich mal mit 6,86 MARK pro Stunde!). Dass ich mit über 50 Jahren Geld vom Papa brauche, um mir ein Auto kaufen zu können, war eigentlich nicht geplant ... Es wäre schön gewesen, wenn es zum "Ende" hin mal etwas gemütlicher geworden wäre, zumal die Jahre hier in der Schweiz bis zur Rente besonders wichtig sind für die spätere Pension. Wenn jetzt irgendwas passieren sollte und ich im Alter allein wäre, müsste ich wohl nach Deutschland zurück, denn von meiner Rente kann ich hier nicht Leben, ohne Zusatzleistungen zu beantragen.

Gehen wir mal nicht davon aus, denn ich bin ja nicht allein. :-) Und noch ist nicht aller Tage Abend. Zumindest eine theoretische Option habe ich aktuell noch, denn auf eine der Bewerbungen habe ich noch gar keine Antwort erhalten. Da die aber längst überfällig ist, glaube ich nicht an ein Wunder.

Mein Chef ist aus allen Wolken gefallen, als ich ihm die Entscheidung mitteilte, und er wunderte sich auch, warum man ihn niemals zu mir befragt hat. Heute werde ich ihn bitten, mir ein Zwischenzeugnis auszustellen. Nicht mit dem Ziel, hier so schnell wie möglich zu flüchten. Aber wenn ich noch einmal etwas wagen möchte, dann muss es jetzt sein. In ein paar Jahren mit knapp 60 werde ich das dann sicher nicht mehr schaffen.

Kommentare:

  1. Kopf hoch!
    Ich kann mir vorstellen, das du enttäuscht bist, aber wer weiß, wofür es gut ist. Vielleicht wartet was viel besseres auf dich.
    Hoffentlich stellt der Typ eine Lusche ein und ärgert sich bald schwarz.
    Du hast dich doch hausintern beworben, oder? Dann verstehe ich auch nicht, wieso die Vorgesetzten nicht zu ihrem Personal befragt werden.
    Liebe Grüße :-)

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    1. Ehrlich gesagt, hatte ich mir schon ein paar Hoffnungen gemacht, und nicht nur mein Chef war überrascht, dass ich offenbar nicht mal in die nächste Runde gekommen bin.
      Das Zwischenzeugnis habe ich nun in Auftrag gegeben. Das heisst nicht, dass ich lieber heute als morgen gehen möchte, aber wie viele Chancen sich hier kurzfristig noch ergeben, ist fraglich, da die Kaderebene nun erst einmal besetzt ist, daher sollte ich mir die Option offen halten, bald noch einmal zu wechseln. Irgendwann bin ich zu alt dafür.

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  2. Da bin ich grad etwas sprachlos... Vielleicht bist du an einem anderen Ort wirklich am besseren Platz! Da wundert man sich, dass das Spital IT-mässig überhaupt funktioniert, mit so wenig Feingefühl, wie die da operieren.

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    1. Ich hoffe nur, dass mein Chef-Chef nicht verantwortlich für diese Entwicklung ist. Zum "Glück" werde ich das wohl nicht erfahren, sollte es tatsächlich so sein. Wenn dann fest steht, wer die Stelle bekommen hat, kann ich mir meine Gedanken dazu machen ...

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  3. Das tut mir echt leid für Dich!! Sehr schade und frustrierend! Richtiger Weg, erstmal ein Zwischenzeugnis zu beantragen. Who knows... :-)

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    1. Das hat immerhin ein wenig für Wirbel gesorgt, wenn auch nur kurzfristig. Bis morgen erwarte ich dann auch noch die Rückmeldung zur letzten Bewerbung. Im Anschluss werde ich dann die Erstellung des Zeugnisses forcieren lassen!

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