Mittwoch, 11. März 2020

Was muss ich lernen?

In meinem Berufsleben bin ich fast dauerhaft finanziell benachteiligt worden. Egal, bei welchem Arbeitgeber ich war, stets ergab es sich nach ein paar Monaten, dass ich Aufgaben übernommen habe, für die ich nicht bezahlt wurde. Wie zuletzt in der Behörde in Berlin hiess es dann meist, es sei halt keine Stelle frei oder kein Geld da, um mehr zahlen zu können. Dazu kamen auch noch systembedingte Nachteile, in dem Vergütungen aufgrund von Sparmassnahmen in Tarifverträgen kurzfristig wegfielen und damit bei Beförderungen z. B. stufengleiche Eingruppierungen plötzlich nicht mehr möglich waren. Man fing also immer wieder ganz unten an der Leiter an mit seinem Gehalt.

Nun hätte ich natürlich nein sagen und diese Aufgaben ablehnen können. Das Problem: Sie haben mir Spass gemacht und ich hätte ungern verzichten und versauern wollen. Also habe ich mich durchgekämpft, manchmal mit spätem Erfolg nach ein paar Jahren.

Dass ich nun hier in der Schweiz für meinen Job auch eher wenig verdiene, ist mir bewusst. Ich fühle mich auch unterfordert, und von meiner Bewerbungs-Misere im letzten Jahr habe ich ja berichtet. Zumindest bin ich allerdings davon ausgegangen, dass es hier fair zugeht innerhalb des Teams.

Gestern nun musste ich erfahren, dass das leider nicht so ist. Mein Chef, der altersmässig locker mein Sohn sein könnte, kam zu mir und meinte, dass ihm bei der Durchsicht der Gehälter (er bekommt einmal im Jahr eine gewisse Lohnsumme, die er an sein Team verteilen kann, und wollte schauen, wo wir stehen) auffiel, dass mein Kollege, der seit einem Jahr neu im Team ist und die gleichen Aufgaben wahrnimmt, deutlich mehr verdiene als ich (und das als ungelernter Quereinsteiger!).

Mir wäre beinahe die Schokolade im Hals stecken geblieben, als ich das hörte. Es wäre keine Absicht gewesen, sondern war einfach historisch bedingt. Der Kollege hat eine andere Stellenbezeichnung, die höher dotiert ist als meine, und daher ist er in einem höheren Lohnband. Er hat also schlicht Glück gehabt ...

Immerhin, das muss ich meinem Chef hoch anrechnen, hat er sich sofort daran gemacht und mit dem HR telefoniert, um zu erfahren, wie man diese Ungerechtigkeit beseitigen kann. Er hat nun meine Stelle neu beschrieben, quasi mit dem gleichen Titel und den selben Inhalten wie bei meinem Kollegen, und wird diese Beschreibung nun beim HR einreichen mit der Bitte, die Stelle neu zu bewerten. Ob das was bringt, muss man abwarten, aber die Hoffnung stirbt ja zuletzt.

Und wieder bin ich also seit drei Jahren um einen Teil meines Lohns betrogen worden. Das hört einfach nicht auf. Wenn es so etwas wie Reinkarnation geben sollte, dann muss ich wohl in diesem Leben lernen, mich besser zu wehren und tatsächlich mal weniger nett zu sein, sondern stattdessen auch mal "nein" zu sagen.


Kommentare:

  1. Solltest du tun, lerne ich auch gerade.

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    1. Wohl war, entspricht halt nicht meinem Naturell, aber manchmal ist es leider notwendig, auch wenn es "nur" ums liebe Geld geht.

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    2. Genau da bin ich nicht mehr bereit auch nur einen Kompromiss einzugehen - der letzte AG hat das Spiel "leicht" übertrieben. Wenn ein Jobneuling, 500 E mehr bekommt, als sein leitender Angestellter, der sowieso schon unterbezahlt ist, dann läuft massig schief.

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    3. Kann ich verstehen. In meinem Fall wusste ich diesmal gar nichts davon, ansonsten hätte ich wohl jetzt auch was gesagt, da hier ganz offensichtlich beide im Team die selben Arbeiten ausführen. Da gibt es keine Ausrede für unterschiedliche Bezahlung, auch wenn der AG natürlich freie Hand hat bei der Bezahlung seiner Angestellten ...

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  2. Ich finde es aber super, daß dein Chef sich jetzt so darum kümmert. Er hätte auch einfach die Klappe halten können und du hättest es vermutlich nie erfahren. Und statt jetzt zu denken, du müßtest kämpfen und dich wehren, wäre erstmal vielleicht hilfreicher, deine unbewußten Glaubenssätze in Bezug auf Geld und auf deinen eigenen Wert zu überprüfen. Manchmal, wenn man ein paar Glaubensätze hinterfragt und erkennt, daß sie gar nicht wahr sind, ergeben sich die Veränderungen schon von alleine.

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    1. Nun ja, ich werde recht oft als sehr reflektiert wahrgenommen, und ich denke, so ganz aus der Luft gegriffen ist meine Selbsteinschätzung in diesem Fall nicht. Doch bisher haben oft Andere für mich gekämpft und mir schon mehrfach zum Erfolg verholfen. Da müsste ich selbst aktiver werden und mich engagieren, anstatt darauf zu vertrauen, dass irgendwann irgendjemand etwas für mich tun wird.
      In diesem Fall war es halt mein Chef, wofür ich ihm dankbar bin, auch wenn völlig offen ist, ob der Einsatz von Erfolg gekrönt sein wird. Es muss ja überall gespart werden ...

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  3. Ich meine keine rationale Einschätzung, sondern unbewußte Glaubenssätze. Oft sagt man Dinge und denkt man Dinge, glaubt aber unbewußt etwas anderes. Und genau dies zieht aber genau das an, was man unbewußt glaubt. Vielleicht glaubst du z.B. unbewußt, dich zwischen Spaß und Geld entscheiden zu müssen und meinst, du möchtest lieber Spaß statt Geld haben o.ä. Aber wenn man sowas rational abwehrt, statt es sich schonungslos bewußt zu machen, kann es immer weiter wirken. Auf Youtube gab es heute ein Orakel, von dem ich gerade dachte, es sei wie für dich gemacht: https://youtu.be/Ch1pAuUtYkY

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    1. Danke Dir für den Link, ich werde es mir zu Hause in Ruhe anschauen. Für Veränderungen ist es ja nie zu spät, auch wenn es nicht leicht ist, alte Muster zu durchbrechen.

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  4. Schoki in der Fastenzeit ... tse .. tse .. tse..

    Merkwürdig, die Tarife bei euch. Aber immerhin anständig, das dein Chef nun eine gerechte Lösung sucht.
    Manchmal muß man ja Abstriche machen, weil nicht mehr bezahlt werden kann. Aber das gilt dann für alle.
    Aktuell habe ich im Bekanntenkreis einen Bäckermeister, der sich auf eine angebotene Bäckergehilfestelle beworben hatte (und den Job bekam), weil sein Arbeitsvertrag in einer anderen Branche nicht verlängert wurde.
    Sein Gehalt entspricht nicht seinen Fähigkeiten, aber eine große Wahl hat er auch nicht.

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    1. Gegen Schweizer Schoggi ist eben nichts heilig. ;-)
      Natürlich muss man immer die Gesamtsituation anschauen. Wenn es nicht geht, dann ist das völlig verständlich. Nur wenn es, bewusst oder versehentlich, Ungerechtigkeiten gibt, dann geht mir das gegen den Strich. Und wenn es dann schwer nach Ausnutzen "riecht", um so mehr. Das ist hier zum Glück nicht der Fall, aber toll wäre es natürlich, ein paar Franken mehr in der Tasche zu haben und damit genauso viel wie mein Kollege gegenüber.

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