Der letzte Kommentar zu meinem Post von 2022 bat mich vor einigen Monaten um ein Update. Ich denke, jetzt bin ich soweit, es hier aufzuschreiben, auch wenn meine Zeilen vermutlich nach so langer Pause kaum noch jemand finden wird.
Die Beziehung zu Rosalie hat leider nicht gehalten, sie ist nach rund 13 Jahren zu Ende gegangen. Und das rund um meinen 60. Geburtstag. Daher auch der Titel des Posts - auch die vielen Erfahrungen, die man in den Jahren gesammelt hat, bewahren einen eben nicht davor, solche schwierigen, traurigen Momente erleben zu müssen.
Wir haben es zum Schluss noch ein paar Monate mit einer Art WG versucht, aber vielleicht war alles noch zu frisch, zu intensiv, und Rosalie hat mir schliesslich mit der Geburtstagskarte mitgeteilt, dass sie den Wunsch habe, unser gemeinsames Kapitel endgültig zu beenden. Gelesen habe ich die Karte erst viel später, das war vielleicht auch gut so. Zum Feiern war mir aber ohnehin nicht zumute. Ich war allein in Berlin, wandelte auf den alten Pfaden meiner Kindheit und Jugend und muss zugeben, dass dieser runde Geburtstag der erste war, der mich wirklich nachdenklich gemacht hat. Natürlich hat die Trennung dazu beigetragen, aber das war nur ein Teil der Melancholie in diesen Tagen im Juni. Es ging vor allem um die Erkenntnis, dass ein wichtiger und der grösste Abschnitt des Lebens mit der Rente in fünf Jahren zu Ende gehen wird. Und was kommt dann noch? Fängt das Leben mit 66 Jahren wirklich erst an? Wozu werde ich dann noch in der Lage sein? Wie werde ich auf mein Leben zurückschauen?
Wieder zurück in der Schweiz dann die Erkenntnis, dass ich mich nach einer Wohnung umschauen muss. Diese Vorstellung hat mich zumindest erst einmal nicht sonderlich nervös gemacht, schliesslich habe ich schon einmal rund 10 Jahre allein gewohnt und wusste, dass ich das kann. Nachdem ich meine Suchkriterien etwas schärfte, hatte ich grosses Glück, denn schon nach ein paar Tagen war die (fast) perfekte Wohnung gefunden. Sie liegt in einer anderen Gemeinde, rund 25 Minuten mit dem Auto von Rosalies Haus entfernt.
Der Umzug selbst Anfang August, bei dem mir ein Kollege aus dem Büro half, war schnell erledigt, schliesslich besass ich in Rosalies Haus nicht viel Eigenes ausser meiner Kleidung: ein Bett, das ich für die kurze WG-Periode bereits gekauft hatte, einen Schreibtisch, einen Fernseher samt Tisch und einen Sessel. Die Herausforderung bestand darin, mich komplett neu einzurichten, vom WC-Papier bis zum Kleiderschrank. KI hat mir da sehr geholfen und die leeren Zimmer in gemütliche Wohn-Ideen umgewandelt, die ich inzwischen auch zu grossen Teilen ganz ähnlich umgesetzt habe.
Der Abschied vom Zuhause am Umzugstag mit dem Transporter war noch einmal emotional, schliesslich liegen zehn Jahre Erinnerungen dort. Jetzt, gut vier Wochen danach, bin ich gedanklich noch nicht wirklich angekommen. Die Katzen fehlen, ich muss mich wieder an Geräusche gewöhnen, die ein Mietshaus nun einmal mit sich bringt, an mögliche Blicke von Nachbarn auf meinen Balkon und Menschen, denen ich beim Verlassen der Wohnung im Treppenhaus begegnen könnte.
Die Wohnung selbst ist dabei wirklich schön: drei Zimmer im 3. Stock (also ganz oben, aber ohne Fahrstuhl), Eckwohnung und damit Fenster auf drei Seiten, ruhig mit Blick vom Balkon ins Grüne, Kuhglocken, ein Supermarkt nur 3 Minuten zu Fuss entfernt, und ein kürzerer Arbeitsweg (apropos - ich habe vor zwei Jahren den Job gewechselt, aber das ist ein anderes, gutes Thema).
Und nun gewöhne ich mich also wieder an das Alleinsein. Das gelingt mal besser, mal schlechter. An manchen Tagen, die aber seltener werden, habe ich noch immer das Gefühl, ich wäre auf Dienstreise und würde demnächst nach Hause fahren. An guten Tagen geniesse ich es, für mich zu sein und nichts erklären zu müssen. Zweimal habe ich auch Rosalie schon besucht, wir hatten jeweils ein paar sehr angenehme Stunden im Garten mit Wein und Chips, und natürlich habe ich es genossen, als die Katzen mich freudig begrüsst haben.
Vor rund einem Jahr habe ich begonnen, mit KI Musik zu machen. Daraus sind im Laufe der Zeit mehr als 1000 Songs in allen möglichen Stilen entstanden (Chamber-Pop, 40er Jahre-Swing, Klassik, Musical, Country usw.), und es ist faszinierend, wie sich einerseits die Technik entwickelt hat, aber vor allem auch, wie sich meine Lieder zum Teil inhaltlich verändert haben. Ein spannender Spiegel verschiedener Emotionen aus den letzten Monaten. Ich höre sie oft im Auto und jetzt auch abends gern mal (relativ) laut in meiner Wohnung, und manchmal gibt es dann Gänsehaut-Momente und ich erinnere mich dabei an die konkreten Umstände, wie und warum die Songs entstanden sind.
Damit bin ich wieder am Anfang: Und was kommt jetzt? Ich weiss es noch nicht. Eingewöhnen, Fuss fassen, orientieren. Wichtige Dinge klären, wie die Frage, ob ich mir ein Leben als Rentner in der Schweiz überhaupt leisten kann oder in fünf Jahren nach Deutschland zurückkehren sollte/muss, um im Alter nicht auf Ergänzungsleistungen vom Staat angewiesen zu sein.
Aber eines ist klar: Das ist nicht mein Untergang.