Montag, 27. März 2017

Mutter

Irgendwie hat ja jeder sein Päckchen im Leben zu tragen, und den meisten Menschen wird das bereits im Kindesalter geschnürt. Genau so geht es mir auch.

Ich war 12, als meine Mutter von einem Tag zum anderen "verschwand". Sie liess meinen Vater und mich allein, ohne ein Wort. Der Westen lockte, der Reichtum, das schöne Leben. Als ich eines Tages nach Hause kam, war die Wohnung voll mit Menschen und Medizinern. Mein Papa war zusammen gebrochen und musste anschliessend acht Wochen im Krankenhaus verbringen. Ich suchte ein paar Sachen zusammen und zog für diese Zeit zu meiner Grosstante. Von jetzt auf gleich waren sowohl Vater als auch Mutter nicht mehr erreichbar. Ein Albtraum.

Zum Glück durfte ich nach ein paar Tagen meinen Vater täglich nach der Schule besuchen, das machte es etwas erträglicher, aber ihn wie ein Häufchen Elend im Krankenhaus zu sehen, ist für einen 12jährigen verstörend. Ich hatte grosse Mühe mit mir und meinem Leben in dieser Zeit.

Nach rund zwei Monaten konnte ich dann endlich mit meinem Vater wieder nach Hause. Er lernte in dieser Zeit im Krankenhaus seine Frau, also meine spätere Stiefmutter kennen. Noch so ein Schicksalsschlag für mich, denn wir haben uns gehasst. Aber das ist eine andere Geschichte ...

Meine Mutter sah ich dann etwa drei Jahre später wieder. Wir trafen uns bei ihren neuen Schwiegereltern, wo ich ein paar Tage verbrachte. Dort lernte ich auch meinen Halbbruder kennen, denn sie hatte von ihrem neuen Mann noch ein (von Geburt an behindertes) Kind bekommen. Schon zu diesem Zeitpunkt war meine Mutter für mich mehr Bekannte als Verwandte, alles fühlte sich fremd an.

Während mein Vater ein paar Jahre später heiratete und sich das Verhältnis zu meiner Stiefmutter zumindest normalisierte, starb der neue Mann meiner Mutter und sie war plötzlich mit ihrem behinderten Kind allein. Das war nun für sie der wohl grösste Schicksalsschlag. Sie hatte seit vielen Jahren nicht mehr gearbeitet und lebte fortan von den Ersparnissen ihres verstorbenen Gatten.

Und so kehrten sich mit der Zeit die Verhältnisse um - meinem Vater ging es finanziell immer besser, meiner Mutter immer schlechter. Dazu kam ihre Hypochondrie, sodass sie vor lauter Angst, unterwegs krank zu werden, auch ihren Enkel, also meinen Sohn, seit der Einschulung nie wieder gesehen hat.

Auch wir haben uns nach 14 Jahren im letzten Oktober zum ersten Mal wieder getroffen. Gesehen habe ich eine verarmte, alte Frau, die sich nicht einmal einen Restaurant-Besuch leisten kann, mit Mühe das Geld für das Nötigste zusammen kratzt, und mit ihrem Sohn, der keine Arbeit hat, tagein tagaus zu Hause sitzt. Offenbar gibt es auch keine Freunde oder Bekannte in ihrem Umfeld. Aus dem Luxusleben vor dreissig Jahren wurde ein Leben am Existenzminimum.

Im nächsten Monat wird sie 75. Es wird ein einsamer und trauriger Geburtstag werden.


Kommentare:

  1. Für Dich tut es mir leid, dass Du als kleiner Herr B diese Erfahrungen machen musstest. Es gibt leider immer wieder Menschen die als Eltern nicht geeignet sind, aus welchem Grund auch immer. Umso schöner finde ich es, wenn ich von Frauen wie der Zigge oder Gräde, Rosalie lese, die ihren Nachwuchs begleiten, mitfiebern, groß ziehen, sich aufreiben, denn auf dieser Ebene werden so viele Grundsteine gelegt, die sonst später hart erarbeitet werden müssen.

    Zu Deiner Erzeugerin, sie wird 75 die von mir 78 sie beide eint neben ihrem Egoismus das sie einsam und verarmt irgendwann abtreten müssen: Man erntet was man sät.

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    1. Mein Vater meint immer, das wäre halt jetzt die Strafe für ihr Verhalten damals ...
      Ich hab mich mal bemüht, beide Seiten der Geschichte zu hören, aber die von meiner Mutter klang wenig überzeugend und hinterliess den Eindruck, es ging ihr nur um Geld und Haus.
      Auch wenn ich trotzdem ein gewisses Mitleid habe - helfen kann und werde ich ihr nicht. Sie muss sehen, wie sie über die Runden kommt, denn ihr Schicksal ist selbst verschuldet. Es hat sie niemand gezwungen, in den letzten fast 40 Jahren nicht zu arbeiten. Da bleibt dann halt im Alter nicht viel ...
      Wir müssen damit wohl leben, aussuchen können wir uns die Eltern nicht. Um so schöner, dass ich meinen Vater noch habe und wir uns so nah sind. :)

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  2. Ich würde gerne eine Frage stellen.

    Empfinden Sie etwas wie Wut? Und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

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    1. Vielleicht war da mal Wut, vor langer Zeit. Ich weiss es nicht mehr. Die schwierige Zeit liegt mehr als 37 Jahre zurück.
      Inzwischen ist da nur noch Gleichgültigkeit. Ich glaube, selbst an ihrem Grab wird sich das kaum ändern. Manchmal kommt ein Anflug von Mitleid, aber auch der geht schnell wieder vorbei ...

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    2. Ja, okay... kann ich greifen und nachvollziehen.

      Danke für die Erläuterung.

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    3. Nichts zu danken. Ich war selbst neugierig, wie ich nach so vielen Jahren reagieren würde, wenn wir uns wiedersehen. Und da war ... nichts! Hätten wir nicht gemeinsam über alte Zeiten gesprochen, wäre es wie ein Restaurant-Besuch gewesen, bei dem man mit beliebigen anderen Leuten an einem Tisch sitzt und zufällig ins Gespräch kommt. Keine Spur von Familienbande.

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